Am dunkelsten ist es immer bevor die Sonne aufgeht.

Leseprobe

Vorwort

 

Seit dem Zeitpunkt, als ich in einem Fernsehinterview bei Cameron West (Autor von „Erste Person Plural“) einen Wechsel miterlebte, war ich überwältigt davon, was für massive tief greifende Überlebensstrategien die menschliche Seele in Todesangst entwickeln kann. Bei den Interviews zu meinem ersten Buch „Nicht allein“ vertrauten sich mir auch Menschen an, die Viele sind. Seitdem hat mich dieser ausgeklügelte Schutzmechanismus nicht mehr in Ruhe gelassen. Er ist für den Betroffenen in vielen Lebensphasen extrem belastend, obwohl er einstmals überlebensnotwendig war. Immer wieder fragte ich mich, was dieser Seelenschutz mit mir zu tun hat. Doch ich habe bis heute keine Antwort gefunden. Manchmal dachte ich: Berührt mich die MPS, weil ich Sehnsucht danach habe, auch Dinge tun zu können, die mir heute als Schatten meiner eigenen traumatischen Vergangenheitserlebnisse noch Probleme machen? Dann dachte ich: Wie schön wäre es, wenn die starke Franziska, mein Innenanteil, hervor käme und ich könnte Rad fahren und freudig verreisen. Doch alles, was ich tun kann, ist das, was Christine möglich ist.

Als ich begann, dieses Phänomen des multipel seins zu erkunden, wünschte ich mir vielleicht insgeheim, dass ich einen Weg finden würde, mir etwas von dieser Überlebensstrategie abschauen und abkupfern zu können. Wie naiv meine ursprünglichen Gedanken waren, konnte ich am eigenen Leibe verspüren. Es war die Zeit, als ich intensiv an der Zusammenstellung meiner Interviews arbeitete.

 

Ich stand vor einer Tür, die freundlich von einem jungen Mädchen geöffnet wurde. Erstaunt und gleichzeitig erfreut wurde ich angeblickt und ins Haus gebeten. Die junge Frau schien mich zu kennen und bot mir auf einem Sofa Platz an. Ich hatte große Mühe, meine Verwirrung und die vielen Fragen in mir zu verbergen. Denn ich hatte keine Ahnung, wo ich war und wer der Vater war, der eben gerufen wurde. Diffuse Gefühle breiteten sich in mir aus. Die Angst wuchs und ich sagte mir immer wieder: „Benimm dich ganz normal. Höre hin. Dann wird sich alles aufklären.“ Ein Mann meines Alters kam auf mich zu und reichte mir freundlich lächelnd die Hand. „Schön“, meinte er, „dass wir uns nun mal persönlich kennen lernen. Ich bin Peter.“ Irgendeine Stimme in mir sagte: „Du kennst Peter vom Mailen. Er ist eine Vertrauensperson.“ Peter muss mir meine Verwirrung angesehen haben, denn er bat seine Tochter, uns alleine zu lassen. Dann fragte er: „Was ist los mit dir?“ Ich wagte meine Fragen zu stellen: „Wo bin ich? Wie bin ich hierher gekommen? Was für ein Tag ist heute?“

„Du bist hier bei uns im Höllental. Und draußen steht ein Auto mit HD Kennzeichen, also wirst du mit dem Auto gekommen sein.“

Meine Unruhe steigerte sich. Ich Autofahr-Angsthase sollte mit dem Auto alleine mehr als 200 km von Heidelberg ins Höllental gefahren sein? Unmöglich! Ich war doch nur kurz einkaufen gewesen. Es konnte nur eine Lösung für diese komische Geschichte geben: Ich war endlich, wie mir schon in meiner Kindheit prophezeit worden war, wahnsinnig geworden. Peter schlug mir vor, meinen Mann anzurufen, damit er mich abholen könnte. Ich stimmte diesem Vorschlag pro forma zu, obwohl ich keine Ahnung hatte, wie ich diese lange Wartezeit überleben sollte. So überlegte ich gleichzeitig, wie ich in Sicherheit gelangen könnte. Eine Gummizelle und eine Spritze, die den Alptraum enden lässt. Das wäre meine Rettung. Ich wollte lieber eingesperrt und betäubt sein, als auch nur noch einen Augenblick länger als unbedingt notwendig diese Panik vor dem Wahnsinn fühlen zu müssen. Also flehte ich mit letzter Kraft, bereits schweißgebadet und mit rasendem Herzen Peter an, einen Arzt zu rufen, um meine Einweisung in die Psychiatrie von ihm dann erbetteln zu können.

 

Und da wachte ich nass geschwitzt und panisch aus meinem Traum auf. Seit diesem Erlebnis ist mir auch gefühlsmäßig klar, wie sehr Multiple durch die Hölle gehen müssen, bis sie einen für sie lebenswerten Umgang mit ihrer Überlebensstrategie gefunden haben. Auf diesem Weg soll sie mein Buch begleiten und unterstützen, denn nun kann ich wenigstens annäherungsweise mit ihnen fühlen. Gleichzeitig hoffe ich, den Betroffenen Hilfestellung für ihren schwierigen Weg an die Hand geben zu können.

 

Einleitung

 

In meinem ersten Buch „Nicht allein“ habe ich Selbsthilfeanregungen für Betroffene nach sexuellem Missbrauch in der Kindheit zusammengestellt. Die „Dissoziative Identitäts-Störung“ und ihre Zwischenformen sind Überlebensstrategien, die unter anderem durch diese massiven, als Todes nah erlebten Übergriffe und andere Gewalteinwirkungen in der frühen Kindheit entstehen. In meinen Interviews traten mutige Frauen an die Öffentlichkeit. Sie wagten es, ihre eigene Leidensgeschichte publik zu machen, um anderen Betroffenen Mut zu machen, zu Ihren Nöten zu stehen und Hilfe anzunehmen und lassen uns damit teilhaben an ihrer Geschichte.

Dieses Buch richtet sich in erster Linie an Betroffene und an Menschen, die Basisinformationen wünschen und sich für Unterstützungsmöglichkeiten von Betroffenen interessieren. Ich habe bewusst im medizinisch-neurologischen Bereich vereinfacht, weil ich möglichst viele Innenanteile erreichen möchte, auch die jüngeren. Denn je mehr Anteile an der Heilung mitarbeiten können, umso erfolgreicher wird sie sein. Möchtest du genauere Informationen haben, empfehle ich dir, deine Therapeutin oder deinen Arzt zu befragen oder den Originaltext im Internet zu lesen.

Dieses Buch soll Betroffenen Hilfestellung geben auf ihrem Weg in ein besseres und gesundes Leben. Doch auch am Thema interessierten Leserinnen und Lesern möchte ich einen Einblick in diese Überlebensstrategie geben. Mein Hauptziel ist es, Betroffenen Tipps und Tricks an die Hand zu geben, wie sie ihren Alltag besser bewältigen, Krisen besser managen und ihnen vorbeugen können. Hierbei habe ich als Verbindungselement die Tipps und Tricks mit ins Buch eingefügt, die mir meine InterviewpartnerInnen gegeben haben. Da für viele Betroffene Struktur wichtig ist durch das so genannte „innere Chaos“, wie es viele bezeichnen, habe ich vieles in Form von Listen und Aufzählungen zusammengestellt. Diese Beispiele sollen dir Anregung geben, deine eigenen Listen zu erstellen. Gleichzeitig bieten sie dir Auswahlmöglichkeiten an, die du ausprobieren kannst. Ein anderes Anliegen ist es mir, im sozialrechtlichen Bereich für Aufklärung und Informationen zu sorgen. Hier herrschen oft noch große Unsicherheiten, wie z. B. beim Stellen eines Antrages auf Schwerbehinderung, was große Vorteile und Schutz bedeuten kann, aber auch oft mit einer großen Hürde verbunden ist.

Kapitel 1 – Einführung: Definition des Themenbereichs der dissoziativen Störungen

1.1. Was ist ein Trauma?

Unter einem Trauma versteht man ein oder mehrere Lebensereignisse, die die Seele eines Menschen zutiefst erschüttern und aus dem Gleichgewicht bringen. Dabei ist es bedeutend, wie das Ereignis erlebt und bewertet wird. Hierfür spielen die bisher gemachten Lebenserfahrungen und Gedanken eine wichtige Rolle. So ermöglicht der Vater Guido im Film „Das Leben ist schön“ seinem Sohn Giosue, das Leben im KZ als Spiel zu erleben. Er erklärt ihm: Sie seien zur Zeit auf einem großen Abenteuerspielplatz. Jeder, der dem Hunger stand hält, sich erfolgreich versteckt und die Schikanen aushält, bekommt Punkte gutgeschrieben. Der Sieger des Spiels gewinnt einen Panzer. Guido vermindert dadurch, dass diese Zeit für den Jungen als traumatisch erlebt wird.

Traumatisierend wird ein stressiges Ereignis von außen erst dann, wenn es in extreme Angst bis hin zur Todesangst versetzt und die normalen Reaktionen wie Flüchten oder zur Wehr setzen nicht möglich sind.

Wie Menschen auf dramatische Ereignisse reagieren, sehen wir in Katastrophenfilmen wie „Armaggedon“ oder „Titanic“. Da gibt es den Helden, der emotionslos funktioniert und alles im Griff hat. Dann gibt es eine emotionsbestimmte Rolle, meist eine Frau, die herumschreit und die Orientierung verliert. Sie braucht den Helden, der in jeder noch so ausweglosen Situation den Überblick behält. Der dritte Rollentyp ist der depressive Charakter, der in der Ecke untätig herumsitzt und auf den Boden starrt. Auch er braucht den funktionierenden Helden. Erst später, wie z. B. in den Rambo-Filmen, sehen wir die Flashs der Horrorszenarien beim Helden, die beim ihm, wie im realen Leben durch Trigger (Auslöser) hervorgerufen werden.

Alle Menschen, die traumatisierende Situationen durchlebt haben, legen sich völlig unbewusst ihre ganz individuellen Überlebensstrategien zurecht. Je jünger die Opfer sind, umso tiefgreifender sind in der Regel auch die Beeinträchtigungen. Ein Erwachsener kann auch mit dem Intellekt an seinem Erlebnis arbeiten. Wenn er ein gutes Fundament von Urvertrauen aus der Kindheit besitzt, kann er z. B. eine Geiselnahme oder einen sexuellen Übergriff besser verarbeiten und bewusste Schutzvorkehrungen treffen. Hierbei helfen ihm das Verarbeiten in den Träumen und schnelle therapeutische Hilfe. Hierfür stehen die unterschiedlichsten Hilfsorganisationen und Therapeuten zur Verfügung und der Erwachsene kann sich bewusst für Hilfe von außen entscheiden. Solche Phasen der Verarbeitung durch Traumverarbeitung, Gespräche und Therapie brauchen ihre Zeit. So hat es seinen Grund, weshalb man nach dem Tod eines geliebten Menschen von einem Trauerjahr spricht. Bereits bei einem einmaligen traumatischen Erlebnis kann es sein, dass der Betreffende nicht darüber reden kann, weil er fürchtet, dass ihm nicht geglaubt wird oder er wegen seiner starken Gefühle abgelehnt wird. Der Rückzug und das Schweigen führen dazu, dass das Trauma bleibt und häufig beispielsweise mit Alkohol betäubt wird und Orte, Personen oder Situationen gemieden werden, die mit dem Trauma verknüpft sind.

Ein Kleinkind, das durch traumatische Ereignisse in seinen Grundfesten wie Urvertrauen und Geborgenheit zutiefst erschüttert wird und damit alleingelassen und unbehandelt bleibt, nimmt immer einen langfristigen Schaden. Die Kinderseele wählt spontan die für das kleine Lebewesen notwendigen möglichen Überlebensmechanismen aus. So treten beispielsweise das Verdrängen, viele individuelle andere Überlebensstrategien und in den unterschiedlichsten Formen, das Dissoziieren (Abspalten) auf, um das es hier gehen soll. Dies ist vor allem dann der Fall, wenn das kleine Kind in seinem Lebensumfeld, besonders der Familie, immer wieder mit der traumatischen Situation rechnen muss und nicht reagieren kann. Es lebt in ständiger Todesangst. Seine Seele greift zu einer besonderen Schutzreaktion der Dissoziation, weil es sonst sterben würde. Das Kind flüchtet wie Alice ins Wunderland. Aus der Tierwelt weiß man: Tiere, die in Gefahr vor ihren Jägern sind und weder kämpfen noch flüchten können, sterben, auch wenn der Angreifer durch eine schützende Glasglocke des Beutetiers nicht an es heran kommt.

 

1.2 Die Dissoziation, eine Reaktionsmöglichkeit auf das Trauma

Dissoziation bedeutet: Abspaltung. Es gibt Dissoziation, die völlig natürliches Verhalten ist. Jeder Mensch dissoziiert im Alltag mehr oder weniger "gut". Könnten wir das nicht, dann wäre unser Gehirn hoffnungslos überfordert. Es müsste sämtliche Eindrücke, die zu jeder Zeit um uns herum und in uns vorhanden sind, speichern. Unser Gehirn hat also bereits in frühester Kindheit gelernt, wichtiges zu speichern und Unwichtiges außer Acht zu lassen. Dieses geschieht zu jeder Zeit, ohne dass uns das bewusst ist. Beispiele für Alltagsdissoziation sind: Wenn du einen Film sieht und so vertieft bist, dass du nichts anderes mehr wahrnimmst. Oder du fährst wie jeden Tag, zur Arbeit, kannst im Nachhinein aber nicht mehr sagen, ob es die Baustelle von gestern noch gab oder nicht. Die Auflistung ließe sich noch beliebig fortsetzen. Das Gehirn eines traumatisierten kleinen Kindes setzt diese Fähigkeit des Auswählens und Abspaltens intuitiv als Schutzmechanismus der Seele ein. Die Person zersplittert.

 

Zur Information hier noch ein paar statistische Zahlen: In „Der multiple Mensch“ von Peter Orban 1 finden sich statistische Zahlen, die uns eine kleine Vorstellung davon ermöglichen, wie verbreitet DIS ist und welchen Ursprung, rein statistisch gesehen, sie hat. Peter Orban weist mit seinen Zahlen darauf hin, dass die Häufigkeit von MPS in der Gesamtbevölkerung 1:50 ist und verweist darauf, dass es auch die Angabe 1:10.000 gibt. Die unterschiedlichen Zahlen ergeben sich aus der Dunkelziffer und der Tatsache, dass viele Menschen mit dieser Überlebens-Strategie erst einmal anders diagnostiziert werden. Dies erläutern auch die folgenden Zahlen aus seinem Buch auf Seite 20: Das durchschnittliche Diagnosealter einer DIS liegt zwischen dem 30. und 35. Lebensjahr. In der Regel liegen davor ca. 6,7 Jahre mit einer anderen Diagnose. Im Schnitt hat der Klient vor der Diagnose DIS bereits jeweils 3 andere Diagnosen. Zwischen 79 und 83% DIS-diagnostizierte Klienten wurden in der Kindheit sexuell missbraucht, bei 74 und 75% liegen physischer Missbrauch vor. 71,5% Betroffene haben Selbstmordversuche hinter sich. Die Amnesien zwischen den einzelnen inneren Anteilen betragen ca. 96%. Das Betroffenenverhältnis zwischen Frauen zu Männern beträgt in etwa 90:10. Weshalb es weniger Männer mit DIS gibt als Frauen, lässt unterschiedliche Vermutungen zu. Amerikanische MPS-Forscher kamen zu folgenden Schlussfolgerungen: Zum einen werden Mädchen häufiger als Jungen in der Kindheit sexuell missbraucht. Gleichzeitig suchen die amerikanischen Männer (wie auch die Männer in Deutschland) weniger Ärzte und Therapeuten auf als die Frauen. So vermuten diese Forscher auch, dass viele dieser Männer statt in therapeutischer Begleitung in den Gefängnissen landen, was für mich nachvollziehbar ist.

 

Leuchtkaefer (42 Jahre) beschreibt ihre Dissoziation so: Du wachst morgens auf und gehst völlig routinemäßig und ohne darüber nachzudenken, als erstes ins Bad. Du denkst nicht darüber nach, was du tust, folgst der Routine, alles ist wie immer. Dann stehst du plötzlich vor dem Spiegel. Verunsicherung. Denn das Gesicht, das du da siehst, ist nicht deines! Es wirkt völlig fremd auf dich! Und damit fangen die Probleme an. Denn plötzlich merkst du: Nichts ist mehr so wie du es kennst. Beim Waschen spürst du das Wasser in deinen Händen nicht. Du merkst gar nicht, wie du darin Wasser auffängst. Du kannst es nur wahrnehmen, weil du es siehst. Spüren tust du es nicht. Auch im Gesicht spürst du das Wasser nicht. Du drehst den Hahn ganz auf kalt mit dem gleichen Ergebnis: Du spürst das Wasser im Gesicht nicht. Erst wenn du das Wasser ganz heiß drehst, deine Hände schon rot davon werden, spürst du Wärme. Keine Hitze, Wärme. Du ziehst dich an, das geht auch ganz routiniert, denn die Sachen liegen schon bereit. Die Schuhe hast du am Abend vorher aber nicht bereitgestellt, jetzt ist es ein schier unlösbares Problem für dich zu entscheiden, welche Schuhe zu diesen Sachen passen. Du hast keinerlei Gefühl mehr dafür. Du kannst nicht einmal mehr unterscheiden, ob diese Schuhe nun braun, blau oder schwarz sind. Du siehst nur, dass sie dunkel sind, es ist, als ob du vergessen hättest, wie Farben aussehen. Du willst frühstücken. Der Kaffee ist heiß, die Brötchen sind wohl wie immer frisch und duftend vom Bäcker. Du nimmst nichts davon wahr. Du setzt die Kaffeetasse an die Lippen - dein Partner sagt: Vorsicht, der Kaffee ist kochendheiß!! - du bemerkst nichts davon. Ist das nun Kaffee oder Tee? Du schmeckst es nicht. Auch den Duft der Brötchen riechst du nicht. Du schmeckst sie nicht, es könnte genauso gut auch Pumpernickel sein - für dich macht das keinen Unterschied. Nichts dringt zu dir durch. Du bist wie abgekoppelt von deinem Körper. Du funktionierst, solange du dabei nicht auf Rückmeldungen des Körpers angewiesen bist. Die Treppen, die dir vertraut sind, steigst du wie immer hoch, ohne hinzusehen. Auf dem Treppenabsatz poltert ein großer Keramik - Blumentopf durch die Gegend und geht kaputt. Du hast ihn überhaupt nicht gesehen, weil du das vertraute in deinem Kopf gespeicherte Bild sahst, wie es hier immer aussieht. Dass hier heute etwas verändert war, kam nicht bei dir an. Jemand spricht dich an, dass du einen großen Fleck auf deinem Hosenbein hast. Erst wunderst du dich, wo der herkommt. Dann stellst du fest: es ist Blut. Blut von deinem Schienbein. Das musst du dir vorhin aufgeschlagen haben, als du an den Blumentopf gestoßen bist. Gemerkt hast du davon nichts, es tut auch nicht weh. Irgendwie bist du dann in dein Büro gekommen. Dort sitzt du an deinem Schreibtisch. Aber es ist völlig seltsam heute - du kannst dich nicht konzentrieren. Deine Gedanken schweifen ab, wandern ins Nichts. Dir fällt das nicht auf, du gibst dich dem wohltuenden Gefühl hin, in einer heimeligen Welt zu sein, wo nichts da ist außer dir. Keine schier unlösbaren Anforderungen, keine beunruhigenden Fragen, keine abwertenden Bemerkungen, keine Ängste, gar nichts ist da außer dir. Irgendwann kommt ein Kollege ins Zimmer, dir ist, als wachst du auf, du kommst in die Realität zurück. Siehst auf die Uhr und erschrickst - du hast zwei Stunden dagesessen und vor dich hingestarrt, ohne auch nur zu bemerken, wie die Zeit vergeht. Ein Mitarbeiter kommt, erzählt dir seine Geschichte. Mehrmals musst du ihn unterbrechen und rückfragen - weil du die letzten Sätze zwar akustisch gehört hast, dein Verstand aber nicht in der Lage war, das Gesprochene aufzunehmen, zu verarbeiten. Du hattest, ohne das zu bemerken, abgeschaltet, warst wieder im Nichts. Du hast keine dringenden Termine mehr, gehst nach Hause, weil heute so ein sch... Tag ist. Auf dem vertrauten Weg stellst du fest, dass du irgendwie nicht mehr richtig sehen kannst. Alles, was direkt in deiner unmittelbaren Nähe ist, ist nicht nur nicht spürbar, sondern sieht aus wie im Nebel. Je weiter etwas weg ist, desto weniger Nebel ist dort. Dafür verschwimmen entfernte Dinge so, als wäre jemand in einem Bildbearbeitungsprogramm mit dem Retuschierpinsel darüber gegangen. Komisch, heute hörst du die Vögel gar nicht, es ist doch schönes Wetter, sind sie nicht da? Dafür erschrickst du plötzlich ganz stark. Du stehst ganz nah am Bordstein, ein Auto (das du nicht kommen hörtest) hupt laut und unerwartet. Dein Herz rast, jagt, stolpert, kann sich nicht wieder beruhigen. Du bist völlig außer Atem, fühlst dich schwach, wie ausgelaugt. Dass man dieses Gefühl "Angst" nennt, weißt du nicht, du spürst nur die körperlichen Erscheinungen, wie immer, wenn irgendetwas passiert in deinem Leben. Kaum reicht deine Kraft, um nach Hause zu kommen. Mit gewaltiger Willensanstrengung schaffst du es. Du willst dir etwas Gutes tun, lässt dir die Badewanne ein. Hm, du hast den Hahn auf die gewohnte Stellung gedreht, aber das Wasser muss heute wohl sehr kühl aus der Leitung kommen, denn du frierst. Also drehst du heißes Wasser dazu, bis du angenehme Wärme spürst. Sonderbar ist nur, dass deine Haut ganz rot wird. Aber heute ist ja einiges sonderbar. Du lässt noch mehr warmes Wasser hinzu, bis du dich richtig wohlig warm fühlst. Wieso die Haut so rot ist, ist eigentlich nicht so wichtig, du hast einen neuen Badezusatz, vielleicht verträgst du ihn nicht. Erst, als du aus der Wanne steigen willst, stellst du fest, dass irgendetwas überhaupt nicht stimmt. Plötzlich versagt dein Kreislauf, dir wird schwindlig, du musst dich auf den Boden setzen. Dein Partner kommt, hilft dir, frottiert dich ab. Du spürst das nicht, bittest darum er möge stärker aufdrückt, bis er protestiert und sagt, dass das ja sogar ihm wehtue! Für dich fing die Berührung gerade an, überhaupt wahrnehmbar zu werden. Dein Partner greift in das Badewasser, will den Stöpsel heraus ziehen. Mit einem Schrei zieht er seine Hand zurück und fängt an zu schimpfen, ob du denn verrückt wärst, das Wasser so heiß zu machen? Kein Wunder, wenn da dein Kreislauf schlapp mache und deine Haut so rot sei! Wie du das denn überhaupt ausgehalten hättest, will er wissen. Dir ist das alles ein Rätsel. Viel zu heiß? Es war doch nur schön warm! Alles, was du tust, wird davon beeinflusst, dass du deinen Körper nicht spüren kannst. Soweit du ihn nicht siehst, ist es, als wäre er nicht vorhanden. Gefühle - das sind Sachen, von denen du weißt, es sie gibt. Aber du spürst heute keine. Nichts, gar nichts geht dich etwas an, berührt dich, dringt zu dir durch. Du bekommst einen Anruf: Deine Freundin, die schwer krank war, gestorben ist. Es scheint dir überhaupt nichts auszumachen. Du fühlst keine Traurigkeit, du empfindest nichts, es scheint nicht wichtig, nicht real zu sein. Das Einzige, was du spürst, ist diese riesengroße, bleierne Schwere und Kraftlosigkeit.

 

 

1.3. Welche Vorteile bietet die Dissoziation?

Alle abgesplitterten Anteile der Ursprungsperson sind dazu da, das Kind vor größerem Schaden zu bewahren. Das hört sich erst einmal völlig skurril an. Aber wenn wir uns in die Situation des kleinen Kindes hineinversetzen, das im Elternhaus einem Martyrium ausgesetzt ist, findet sich eine nachvollziehbare logische Erklärung. Das kleine Kind, egal ob Junge oder Mädchen, ist von den Eltern in all seinen Lebensbereichen abhängig. Es benötigt eine Möglichkeit, um genau am Ort seiner Qualen weiter leben zu können, weil es draußen allein sterben würde. Um also am Ort des Geschehens bleiben zu können, braucht das Kind eine nachvollziehbare Erklärung der Situation, die es im Äußeren nicht findet. So entsteht eine Art „Innere Welt“ mit verschiedenen Anteilen, die der Kinderseele zur Hilfe eilen und sie schützen. Dieses geschieht durch das Zersplittern in unterschiedliche Persönlichkeitsanteile. Die durch das Trauma entstandenen Innenwesen leben im Innern und tauchen immer dann auf, wenn sie gebraucht oder angetriggert (durch Auslöser „gerufen“) werden. So, wie Verdrängtes jahrzehntelang im Unterbewusstsein sein Leben fristet und Impulse ins Bewusstsein schicken kann, ist dies auch bei der dissoziativen Identitätsstörung möglich. Sie kann lange existieren, ohne als solche wahrgenommen zu werden. Manche Betroffene scheinen Jahrzehnte lang nach außen hin ein völlig normales Leben zu führen: Sie verlieben sich, gründen Familien oder leben allein, zurückgezogen und gehen einem geregelten Arbeitsleben nach. Sie managen den Alltag perfekt, auch wenn es sie größte Mühe kostet. Manche sagen aber auch, sie haben von Kindheit an gespürt, dass sie anders waren als andere Kinder. Sie haben schon damals viel versteckt, ohne zu wissen, warum. In dieser „Deckelphase“ spüren sie beispielsweise eine innere Unruhe, haben Somatisierungsstörungen, hören Stimmen im Kopf, scheinen vergesslich und hegen den leisen Verdacht, wahnsinnig zu sein. Eine Diagnose kann dann eine Erlösung sein, wenn die Kraft zum „Versteck-Spiel“ nicht mehr ausreicht oder die Panik vor dem Wahnsinnigwerden steter Begleiter geworden ist. Oft ist es für Betroffene deshalb Erlösung, wenn dieser „Wahnsinn“ einen Namen bekommt. Die Unsicherheit und Angst verschwinden zumindest kurzfristig, weil es nun eine Erklärung für die Situation gibt: Man ist nicht „verrückt“! Es ist DIS (in irgendeiner Variation), eine durchaus behandelbare psychische Störung. So kann aus dem anfänglichen Verstecken oder gar Verdrängen ein mögliches Annehmen entstehen, das den Heilungsprozess unterstützt.

 

Mondtränen (47Jahre): Als ich die Diagnose dissoziative Erkrankung bekam, reagierte ich mit Angst, aber auch Freude. Denn nun wusste ich endlich, dass ich nicht verrückt bin, sondern „normal“ bin für das, was ich erlebt habe. Und dass die Krankheit einen Namen hat. Der Krankheitsname gab mir Klarheit und ermöglicht mir, Informationen einzuholen.

Kapitel 3 – Das Leben mit DIS

Das Leben mit DIS bleibt auch nach all der Aufklärung durch die wissenschaftlichen Zusammenhänge eine völlig individuelle Überlebensstrategie mit vielen oft ängstigenden, offenen Fragen. Doch Betroffene sind nicht alleine in ihrer Not, denn es gibt so viele Menschen in ganz ähnlichen Situationen. Gleichzeitig ist es mein Wunsch, Klarheiten zu schaffen sowie Verständnis- und Hilfsstrategien und hilfreiche Denkanstöße zusammenzustellen. Ein ganz besonderes Anliegen ist es mir, dich dazu zu ermutigen, dich immer mehr so anzunehmen, wie du bist. Je mehr du deine einzigartige Überlebensstrategie annimmst und zu ihr stehst, umso angenehmer wird sich dein Leben gestalten.

 

3.1. Zeit der Vergesslichkeit

Mit Sicherheit ist die Dissoziation mit ihren neu geschaffenen Persönlichkeitsanteilen eine hohe intuitive, geistige und körperliche Leistung, die sehr viel Kraft kostet. Denn besser als es je ein Drehbuchautor schreiben könnte, sind die einzelnen Innenanteile in sich ganze, stimmige Anteile. Allerdings wirken sie oft nur in ihrem Bestimmungskreis.

 

Mondtränen (47 Jahre): So ein klein wenig war schon lange eine Ahnung da, dass bei mir etwas nicht stimmte. Doch ich habe dieses Gefühl unterdrückt und verdrängt. Mein Leben war nie wirkliches Leben, es war Überleben. Ich funktionierte nach außen hin sehr gut. Innen war Chaos und völliges Durcheinander. Mit extrem starkem Willen drückte ich sämtliche Symptome nach unten. Mir fiel auf: Ich verlegte Dinge, die nie mehr auftauchten. Und das ist leider bis heute so geblieben. Mein Gedächtnis und die Konzentrationsfähigkeit sind super schlecht. Ich vergesse vieles wie: Namen und Jahreszahlen. Die Stimmen im Kopf machten mich fast wahnsinnig. Ich erklärte mir das „Stimmenhören“ durch zu viel Stress und Überarbeitung. Wenn jemand versuchte, nach außen zu kommen, so wurde es gewaltsam niedergedrückt. Unter starken Protesten, aber es musste so sein, um zu funktionieren. Meine Wechsel wurden mir von anderen als extreme Stimmungsschwankungen rückgemeldet. Ein offenes Umgehen war nicht möglich, weil ich glaubte, verrückt zu sein.

Sternenfänger (24 Jahre): Das mit den Vorahnungen, dass wir Viele sind, ist so eine Sache für sich. Denn das kommt darauf an, wen man bei uns fragt. Ich, Sternenfänger, der Host, hatte keine Ahnung oder Vorahnungen. Man hat mich sozusagen ins eiskalte Wasser gestoßen. Ich hatte zwar Zeitverluste und Erinnerungslücken, hielt es aber immer für normal, sich. an seine Kindheit nicht zu erinnern. In der Klinik, wo ich wegen Borderline war, wurde mir dann eine „Erklärung“ in den Mund gelegt. Man sagte mir, ich habe einfach extreme dissoziative Anfälle. Noch heute beschweren sich die anderen in mir, je so betitelt worden zu sein. Ich selbst habe mich schon immer für irre gehalten. Wenn wieder mal ne Lücke war, habe ich halt gesagt, dass es wieder so ein Anfall gewesen sein muss. Wenn ich Leute traf, die ich nicht kannte, die mich aber anscheinend kannten, war ich nicht lange genug da, um etwas erklären zu müssen. Für mich war es ein erneuter „Anfall“, wieder eine Zeitlücke. Einige von uns haben keine Zeitverluste. Es wäre verheerend, wenn alle Zeitverluste hätten. Denn wir sind viele geworden, damit der Körper überlebt. Wenn man uns immer ansehen und anmerken würde, dass wir Viele sind, wäre der Schutz ziemlich sinnlos gewesen, meint Seelenwind (Beschützerin, 20 Jahre).

Kapitel 6 – Deine Rechte auf Unterstützung und Schutz

In diesem Kapitel möchte ich Dir aufzeigen, welche Unterstützungsmöglichkeiten und welche Rechte es zu Deinem Schutz für Dich gibt. Nach einem kurzen Überblick findest Du einige Beispiele sehr ausführlich erklärt.

Doch Du hast noch mehr Möglichkeiten, Hilfe zu bekommen. Du kannst Freunde oder Partner zu Terminen mitnehmen. Gleichzeitig gibt es für all diese Wege auch kompetente Begleiter für Dich. Du darfst Dich bei Deinem Arzt, Deinem Therapeuten und Deinem Pfarrer und der Gemeinde erkundigen, wer Dir noch hilfreich zu Seite stehen kann. Je konkreter Du fragst, umso genauere Antworten wirst Du bekommen. Deshalb ist es wichtig zu wissen, was Du möchtest, um dann nach Lösungswegen zu suchen. Es kann gut sein, dass Du zu meinen Ausführungen noch Ergänzungen findest. Gerne kannst Du mir diese auch zukommen lassen.

Hoffnung von Christine Striebel 1995

Mit den besten Wünschen für Dich und Dein Team!

Herzlichst Christine Striebel