Die Pyramide
Stand: 30. Januar 2012
Es war einmal eine Frau. An jedem Tag ihres Lebens hatte sie Steine gesammelt. Mit jedem dieser Fundstücke verband sie Erinnerungen und Erfahrungen. All diese Steine hatte sie auf einem großen Berg in ihrem Garten aufgehäuft. Manche waren trüb, verschmutzt und dunkel, andere waren transparent und glänzten im Sonnenlicht.
Eines Tages betrachtete die Frau ihre Sammlung genauer. Dabei entdeckte sie, wie sich ein bedrückendes Gefühl in ihrer Brust ausbreitete. Sie erinnerte sich, dass sie sich schon häufiger in der Nähe des Steinberges unwohl gefühlt hatte. Es schien als ob einer der untersten Steine so dunkel und trüb war, dass auch die hellsten Steine an der Oberfläche ihren Glanz verloren hatten. Lange überlegte sie, wie sie ihren Steinberg wieder zum Glänzen bringen könnte. Sollte sie alle trüben Steine einfach herausziehen und wegwerfen? Diesen Gedanken verwarf sie wieder, denn dieser Schritt würde ihren Garten in ein Chaos verwandeln und vielleicht irreparable Schäden verursachen. Deshalb beschloss die Frau den Berg behutsam von oben her abzutragen und eine, wenn möglich, strahlende neue Pyramide zu schaffen.
Das Betrachten, Reinigen und neue Anordnen eines jeden Steines machte ihr große Freude. Sie erkannte, wie bunt und einzigartig ihre Erinnerungen waren, die sie mit jedem Stein verband. Es gab für sie besonders wertvolle Steine, die sie an Ehrenplätzen in Haus und Garten plazierte oder in die Pyramide einfügte. Diese Arbeit beschäftigte sie eine lange Zeit.
Abends betrachtete sie stets ihr Werk und freute sich am allmählichen Wachstum und neuem Glanz ihrer Pyramide. An manchen Tagen fand sie Steine, die mit schlimmen Erinnerungen verbunden waren. Dieser Steine nahm sie sich besonders an. Sie betrachtete sie von allen Seiten und weinte manche Träne über den Schmutz, der an ihnen haftete.
Gelegentlich holte sie sich auch professionelle Hilfe ein, um die Steine betrachten und ganz behutsam reinigen zu können. Sie erlebte dann, wie auch diese Fundstücke allmählich wieder zu leuchten begannen. Das erstaunlichste dabei war: Gerade die vormals besonders trüben Steine gaben der Pyramide besondere Stabilität.
Im Laufe der Zeit erkannte die Frau: Ich nähere mich dem dunkelsten Stein. Und wollte sie ihn zu Anfang ihrer Neuordnung noch vernichten oder wegwerfen, so verspürte sie nun den Wunsch, ihn mit Hilfe von außen besonders genau zu betrachten, ihn liebevoll anzunehmen und zu reinigen. Denn schließlich hatte sie gelernt, wie sie getrübten Steinen
zu neuem Glanz verhelfen konnte.
Und so geschah es. Als die Frau am dunkelsten Stein ankam holte sie sich Unterstützung, die es ihr ermöglichte, den Stein behutsam in die Hand zu nehmen und zu betrachten. Sie beweinte die Verschmutzungen, Ecken und Kanten. Doch dann akzeptierte sie: Der Stein ist so wie er ist und gehört zu meinem Leben. Er ist ein wichtiger Teil meiner Lebenspyramide.
Behutsam entfernte sie den groben Schmutz und begann dann mit der Feinarbeit. Und das Wunderbare geschah: Der Stein erstrahlte in einem außergewöhnlichen Glanz. Er gab ihr und der Pyramide ihre Kraft, ihre Stärke und ihre einmalige Leuchtkraft.
So erstrahlt sie auch heute noch in ihrer Einzigartigkeit!
geschrieben am 8.September1999 von Christine Striebel
überarbeitet am 30. Januar 2012

