Gedankenspiel
Stand: 20. November 2007
Gedankenspiel
oder
Wie ich meine Gedanken nutzen kann
Wie jeden Samstag stehe ich mit meinem vollen Einkaufskorb in einer Warteschlange vor der Kasse des Supermarktes. Zeit für mich meinen Gedanken nach zu hängen und manchmal auch Menschen zu beobachten.
Das Weiterschieben des Wagens geht langsam und ganz nebenbei.
Da tut sich etwas an der Nachbarkasse. Eine ältere Frau mit Gehhilfe und wenigen Einkäufen bittet einen jungen Mann, ob er sie vorlasse. Nach einigem Zögern und mürrischem Gesicht gestattet er es. Und ich konzentriere mich erneut auf meine Gedanken und meinen Atem.
Als ich den leeren Wagen zurückschiebe sehe ich die ältere Frau mit einer anderen Dame intensiv in ein Gespräch vertieft. Und wenige Momente später taucht auch der junge Mann auf. Sein Gesicht zeigt, dass er verärgert ist. Und in dieser Stimmung steigt er in sein Auto ein.
Ganz spontan denke ich: „Schade! Weshalb kann der junge Mann nicht denken: „Super! Dadurch, dass ich der alten Frau den Vortritt gewährte hat sie nun die Kraft sich noch zu unterhalten. Wer weiß wie einsam sie sonst ist. Gut, dass ich sie vorgelassen habe.“
Ja, so einfach kann man anderen und sich eine Freude bereiten und das an einem ganz normalen Samstag.
Und plötzlich erinnere ich mich wieder an die schlimmsten falschen Gedanken meines Lebens. Sie raubten mir viele Jahre des Liebetankens bei meiner Mutter. Denn es ist leider wirklich so, dass wir durch unsere Gedanken auch unsere Wahrnehmung in eine bestimmte Richtung ausrichten. Wir erleben spüren und hören dann auch nur genau das, was wir erwarten. Alles andere wird ausgeblendet oder passend uminterpretiert. Und genau das habe ich am eigenen Leib schmerzlichst erfahren.
Vor ein paar Jahren verstarb meine Mutter völlig unerwartet. Ich hatte mir immer gewünscht von ihr geliebt zu werden. Doch nun war sie gegangen, bevor ich dieses Gefühl wirklich gespürt hatte. Einfach so ließ sie mich im Stich. Doch selbst als ich meine Vergangenheit aufgearbeitet hatte war immer eine gläserne Wand zwischen uns, die mir bestätigte, was ich glaubte: Sie liebt mich nicht, weil sie mich nicht beschützt hatte.
Vor einem Jahr planten wir einen Umzug. Und ich begann zu entrümpeln. Dabei entdeckte ich viel kleine Büchlein, die ich von meiner Mutter bekommen hatte. Ich hatte sie angenommen, mich bedankt und dann in ein Regal gestellt, ohne sie zu lesen. Und nun lag ein kleines blaues Büchlein in meiner Hand. Mit schöner Schrift, und meiner Mutter fiel das Schreiben schwer, fand ich Gebete, Gedichte und eigene Worte, die ihre Liebe zu mir und ihre Wünsche für mich beschrieben.
Völlig fassungslos klappte ich dann ein kleines selbst gestaltetes und mit Texten gefülltes Kunstwerk nach dem anderen auf. Und plötzlich spürte ich die schon so ewig ersehnte Liebe, Wärme und Geborgenheit meiner Mutter. Wie musste es sie geschmerzt haben, dass ich außer einem lapidaren Danke keine Bemerkungen zu ihren Gedanken gemacht hatte. Und trotzdem schrieb sie weiter und weiter, ohne, dass ich je wirklich reagieren konnte. Und nun war es zu spät! Es kostete mich viele Tränen uns diese Chance genommen zu haben, nur weil ich die falsche Annahme hatte, dass sie mich nicht lieben kann.
Und dann bekam ich von einer Freundin die Idee geschenkt mit meiner Mutter zu sprechen. Ihr zu sagen, dass ich ihr für all die Liebeszeichen danke. Und dass es mir große Schmerzen bereitet, dass ich ihre Liebe nicht erkennen und annehmen konnte. Dass ich sie nun aber spüren kann und hoffe, dass sie mir verzeiht.
Nach diesem Gebet war mir leichter und ich spürte plötzlich, dass ich nun künftig immer dann ihre Liebe spüren würde, wenn ich etwas von ihr lese oder einen von ihr einmal berührten Gegenstand berühre. So bin ich nun in Frieden und im Glück, das Beste aus dieser Situation gemacht zu haben. Meine Mutter liebt mich und hat dies immer getan, auch wenn sie mir nicht immer hilfreich zur Seite stehen konnte.
Und für die Zukunft möchte ich mir vornehmen: Sobald ich negative, belastende Gedanken entdecke, überlege ich mir, was ich stattdessen haben möchte.
Und hier hakte mein Sohn Steffen beim Gegenlesen zu Recht ein. Weil genau hier der kritische Punkt liegt. Denn mein Handeln und mein Denken waren mir ja lange völlig unbewusst. Es war wie ein eisernes Gesetz Teil meines Lebens. Dies bedeutet, dass die Veränderung der Gedanken erst dann möglich wird, wenn uns das Unbehagen richtig bewusst ist.
mir und Und es wäre sicher auch unmöglich zu sagen: Ich denke mir einfach diese Trennwand zwischen meiner Mutter weg und stelle mir vor, dass sie mich liebt. Denn es gibt ja berechtigte Gründe für mich zu glauben, dass sie mich nicht liebt. So wäre ein Satz wie: „Meine Mutter liebt mich“ völlig wirkungslos, weil ich das absolut nicht glaubte. Doch ich kann sagen: Ich wünsche mir: Meine Mutter liebt mich. Und auch hiermit setze ich einen positiven, verändernden Wahrnehmungsprozess in Gang.
So möchte ich künftig folgendermaßen vorgehen:
- Ich erkenne etwas das ich vermisse oder mich belastet.
- Ich überprüfe, ob ich in dieser Beziehung/Situation bleiben und etwas verändern möchte. Denn manchmal ist ja auch eine Trennung oder ein aus der Situation gehen angesagt.
- Wenn ich mich für die Situation entschieden habe kann ich in Richtung „Was darf ich hier lernen“ weiterarbeiten und/ oder ich kann mir meinen Idealzustand formulieren.
z.B. Mein Mann liebt mich
oder
Ich wünsche mir: Mein Mann liebt mich und ich kann es wahrnehmen.
- Diesen Idealzustand male ich mir mit allen Sinnen aus.
Er bringt mir einmal im Monat Blumen mit.
Er küsst mich zur Begrüßung und zum Abschied.
Er umarmt mich…
- So gebe ich mir die Chance all die wundervollen Geschenke, die das Leben für mich bereithält, auch erkennen zu können.
Oder anders formuliert: Da wir meist nur die Dinge sehen können, die unser Weltbild bestätigen, entscheide ich mich dafür, mir meine Welt so positiv wie möglich auszudenken und mich an jeder Kleinigkeit in dieser Richtung zu erfreuen.
Doch überlege genau, was du dir wünschst: Es könnte in Erfüllung gehen!
Christine Striebel
November 2007

